11. Schulwoche: Kernkraftwerke

Dass mich Schüler nach politischen Ansichten fragen gehört mehr oder weniger zum Alltag und ehrlich gesagt mag ich es, sie in ihren Ansichten herauszufordern. Weil das Schüler-Lehrer-Verhältnis irgendwie in der Psyche des Schülers a priori bewirkt, dass dieser sich selbst nicht komplett auf Augenhöhe einschätzt, zeigt der Schüler selbst gegenüber Standpunkten, die seinen eigenen total entgegenstehen, eine gewisse Offenheit. Und eigentlich ist genau diese Offenheit eine der Grundvoraussetzungen, um etwas zu lernen oder sich selbst und sein Verständnis von der Welt zu erweitern. Mit „Erwachsenen“, Lehrerkollegen oder privaten Kollegen sieht das verständlicherweise anders aus. Da glaubt bald einmal jeder, mindestens gleich gut Bescheid zu wissen, wie der andere – und statt sich hälftig mitzuteilen und hälftig die Mitteilung des anderen wirklich aufzunehmen, konzentriert man sich auf reines Überzeugen des Gegenübers. Angesichts dessen hat es mich diese Woche sehr überrascht, dass ich gleich viermal(!) in der Lehrercafeteria auf die bevorstehende Abstimmung über den Atomausstieg angesprochen wurde. Dabei hoffe ich nicht, dass man mich in dieser Frage als in einer Art Überlegen betrachtet, denn auch ein Physiker hat auf diese Frage keine Antwort, welche von allen bei entsprechendem Wissen anerkannt werden würde. Trotzdem interessiert man sich dafür, was Physiker dazu zu sagen haben, was schon einmal gut ist. Und zwar insofern gut, dass bezüglich Atom- bzw. Kernkraftwerken (Physiker bestehen darauf, dass sie richtigerweise Kernkraftwerke genannt werden sollten) nach wie vor sehr wenig wirkliches Wissen vorhanden ist. Das merke ich jedes Jahr, wenn ich im 2. Semester in der 6. Klasse zum Thema Kernphysik vor allem über Radioaktivität und Kernkraftwerke rede. Kaum jemand weiss, was Radioaktivität ist, was beim Zwischenfall in Tschernobyl wirklich passiert ist (ein bewusst eingeleiteter, schief gegangener Test wegen des kalten Krieges), wie viele Tote und Krebskranke es deswegen wirklich gegeben hat (erstaunlich wenige nämlich), warum Tschernobyl bis heute nicht bewohnbar ist (in erster Linie weil die Kernschmelze des Kraftwerkes noch immer dort ist – und nicht weil die Umgebung selbst so „verstrahlt“ ist), wie so ein Kraftwerk funktioniert oder was genau an radioaktivem Abfall das Problem ist. Obendrauf glauben ausserdem viele, dass in Tschernobyl Wölfe mit zwei Köpfen oder Fische mit drei Augen existieren… Man gewinnt allerdings als bekennender Atomgegner jede Diskussion, wenn man sich auf den Standpunkt „Nullrisiko gibt es nicht, jedes Menschenleben ist eines zu viel“ stellt.

Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch „Sapiens – A Breif History of Humankind“ (Link zu Amazon unten) die Geschichte der Menschheit in drei Revolutionen: Zuerst war die kognitive Revolution, in welcher vor etwa 70’000 Jahren unter anderem die Sprache ihren Anfang genommen haben soll, dann vor etwa 10’000 Jahren folgte die landwirtschaftliche Revolution, in welcher die Menschen sesshaft wurden und schliesslich, vor 500 Jahren, startete die wissenschaftliche Revolution, in welcher die Menschen plötzlich nie vorher da gewesene Macht über die Natur erlangten.
Harari beschreibt, dass in der landwirtschaftlichen Revolution die Frauen durch Aufgabe des Nomadenlebens plötzlich jedes Jahr ein Kind haben konnten und wegen dem Mehr an zur Verfügung stehender Nahrung die Population dadurch plötzlich stark angewachsen ist. All die Felder für all die Leute zu bestellen bedeutete unter dem Strich aber – zumindest an Arbeitsstunden gemessen – laut Harari kein lockereres Leben. Jede „Verbesserung“ des Lebens führte aber zu anderen Arbeitsverpflichtungen bis zu einem Punkt, an dem man nicht mehr zurück konnte. „Wenn durch Landwirtschaft plötzlich 110 statt nur 100 Personen ernährt werden können – welche 10 würden im nächsten Jahr zu Tode hungern, damit die anderen 100 zurück zum Nomadenleben können?“ fragt Harari. Er hält fest: Eines der eisernen Gesetzte in der Geschichte der Menschheit scheint zu sein, dass der anfänglich in einer Erfindung liegende Luxus für Einzelne zu einer Notwendigkeit für eine Gesellschaft wird und damit neue Verpflichtungen erzeugt. Bis zu einem Punkt, wo es kein zurück mehr gibt.

Bezüglich elektrischer Energie scheinen wir in einer ähnlichen Lage zu sein… Die im Jahr 2000 noch mehr oder weniger ernst gemeinte Idee von einer „2000 Watt Gesellschaft“ gilt schon lange nicht mehr – zu so wenig Energieverbrauch zurück werden wir es nicht schaffen. Stattdessen versucht man heute CO2-Ziele mit ähnlich schlechtem Erfolg zu realisieren. Natürlich findet niemand Kernkraftwerke die Non-plus-ultra-Lösung. Aber es ist auch niemand wirklich bereit, „sein Leben“ aufzugeben. Selbst wenn er es wäre (Gespräche mit solchen Leuten zeigen mir, dass sie dabei zudem sehr vieles übersehen) – es gibt wie schon bei der landwirtschaftlichen Revolution kaum noch ein zurück als Gesellschaft. Zu stark sind wir alle miteinander verwoben, zu stark hängt alles von allem anderen ab – und zu stark hängt alles von elektrischem Strom ab. Ohne den Glauben an unsere politischen Systeme oder Institutionen verloren zu haben kann man daher getrost sagen: Die Kraftwerke werden gebaut oder zumindest nicht abgestellt, wenn es wirklich Engpässe gibt. Ob es die gibt oder nicht ist schwierig zu sagen, weil politische Spielereien dabei sind, weil es Modelle mit vielen unbekannten Grössen sind und weil wir zumindest aktuell noch keinen realen Engpass haben. Auch welche ähnlichen Probleme andere Energieformen evtl. mit sich bringen ist noch nicht wirklich klar. Selbst ob unsere Gesellschaft, welche aussergewöhnliche Dinge wie Negativzinsen oder die Subvention von der Energieform Wasserkraft erlebt, aktuell gerade in einer weiteren kleinen Revolution steckt, lässt sich immer erst retrospektiv sagen.

Auch die Weltmeisterschaft im uralten Spiel Schach kommt heute ohne Strom kaum aus. Zu Zeiten des ersten anerkannten Weltmeisters Wilhelm Steinitz, also kurz vor 1900, kamen auch die ersten elektrischen Glühlampen auf. Ich habe nicht herausgefunden, ob an dieser ersten Weltmeisterschaft 1886 (also vor 120 Jahren, damals ebenfalls wie aktuell gerade in New York) solche elektrischen Glühlampen verwendet wurden. Sicher ist nur, dass aktuell an der Schachweltmeisterschaft in New York nicht nur das Licht elektrisch betrieben wird. Ich kann zu Hause von meinem PC aus die Spieler mit einer 360°-Kamera spielen sehen, ich bekomme die Zeit auf den digitalen Uhren bis in mein Büro mit ebenso wie die Analysen der verschiedenen Grossmeister, was die verschiedenen Schachprogramme auf den Computern für Züge vorschlagen etc. Es sind unübertrieben wahrscheinlich weit über 100’000 elektrische Geräte während einer solchen Runde der Weltmeisterschaft an eben diesem Schachspiel in irgend einer Form beteiligt. Trotz diesem ganzen technischen Fortschritt ist aber eine Sache geblieben: Die Psyche des Menschen kennt auch heute noch die gleichen Schwächen wie vor 120 oder 12’000 Jahren. Wenn der aktuelle Titelverteidiger Magnus Carlsen an der Pressekonferenz nach einem verlorenen Spiel davon läuft sieht man, dass der Fortschritt der Gesellschaft als Ganzes einem 25-jährigen Carlsen nicht viel nützt. Jeder Mensch muss die wesentlichen menschlichen Dinge alleine über Erfahrung lernen. Carlsen nützt es nichts zu lesen oder zu wissen, dass alle Weltmeister vor ihm auch schon früher oder später einmal verloren haben und das kein Drama ist.  Aktuell ist Gleichstand und ich gehe davon aus, dass er den Titel verteidigen wird – wohl noch öfters – aber irgendwann kommt ein Besserer. Es ist zu hoffen, dass ihn dieses Spiel 8 darauf ein wenig vorbereitet hat und er dann nicht so erbärmlich davon läuft. Dann hätte ihm diese Weltmeisterschaft weit mehr als ein paar weitere Subtilitäten zum Spiel der Spiele beigebracht.

One response to “11. Schulwoche: Kernkraftwerke

  1. Der fliegende Holländer

    Super Artikel Urs. «Trotz diesem ganzen technischen Fortschritt ist aber eine Sache geblieben: Die Psyche des Menschen kennt auch heute noch die gleichen Schwächen wie vor 120 oder 12’000 Jahren. […] Jeder Mensch muss die wesentlichen menschlichen Dinge alleine über Erfahrung lernen.» fand ich super und dies wird sicher in den nächsten Jahren noch spannender zu beobachten sein, wie wir mit teilweise verrückten technologischen Entwicklungen (VR / AI) umgehen werden. Das Buch habe ich mir gerade bestellt… sicher eine gute Abwechslung!

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