9. Schulwoche: New York City

Ja – ein Ereignis wie die unerwartete Wahl von Donald J. Trump zum 45. Präsidenten von Amerika – so etwas bestimmt auch locker einen Tag lang stark den Schulalltag mit. Ich bin weder Lehrer für Geschichte noch für Wirtschaft, Politik oder Englisch. Naturgesetze, wie ich sie im Physikunterricht vermittle, sind zum Glück unabhängig vom amerikanischen Präsidenten – er beeinflusst zwar über Forschungsgelder und -gesetze mit, was als nächstes herausgefunden werden könnte und in welchem Zeitrahmen das geschieht – und aktuell zittert die wissenschaftliche Welt ein wenig. Schulisch gesehen ist diese Wahl aber für mein Fach relativ belanglos. Für die Schüler wiederum ist relativ belanglos was gerade auf dem Stundenplan steht – sie verfolgen während der ersten Schulstunde die noch nicht definitive Wahl auf dem Handy mit, reden auch während allen folgenden Schulstunden untereinander darüber, geben mit körperlichen und verbalen Signalen unmissverständlich ihre Enttäuschung oder andere starke Emotionen preis und fragen dann auch unweigerlich früher oder später, was man selbst darüber denkt…

Wie verhält man sich da optimal? Mal angenommen, man ist als Lehrer wirklich total neutral. Das ist zwar kaum ein Mensch – und die Meisten wissen auch gar nicht, warum sie ausgerechnet Republikaner oder Demokraten sind… Die einen Ideen überzeugen die eine Gruppe genau so wie die anderen Ideen die andere Gruppe. Man ist mit Argumenten kaum davon wegzubringen und fühlt sich im Recht – no matter what. Solche Gruppierungen gibt es bei fast allen Fragen des Lebens – man denke an Erziehungsmethoden, Trainingsprinzipien, Heilungspraktiken, Familienmodelle, Religionen oder Lebensstile. Auch kleinere Unterbereiche wie Automotoren, Betriebssysteme für elektronische Geräte, die Frage über unsere Herkunft oder ganz einfach welches Zimmer-System an unserer Schule herrschen soll kennen meist zwei Lager. Selbst die von vielen als unangreifbar und als über alle Zweifel erhaben angesehene Wissenschaft kennt diese Gruppierungen auf praktisch jedem Gebiet, weil sich überall Verschwörungstheoretiker und alternative Denker tummeln, die zu praktisch allem erdenklichen eine diametral abweichende Erklärung haben: Menschen waren nicht auf dem Mond, die Klimaerwärmung gibt es gar nicht, wir stammen nicht vom Affen ab, … Die Liste liesse sich beliebig erweitern. Fairerweise muss man sagen, dass die Geschichte zeigt, dass immer wieder einer dieser Querdenker recht hatte (bzw. seine Ideen plötzlich zur vorherrschenden Meinung wurden) – was häufig auch erst nach seinem Tod erkannt wurde. Ein gutes Buch zu diesem Thema habe ich unten verlinkt – und ein berühmtes Beispiel ist die Theorie der Plattentektonik, welche sich erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchsetzte. Was ich damit sagen will: Selbst auf wissenschaftlichen Gebieten, wo man vermeintlich eindeutige Experimente macht und Fakten sammelt, gibt es eben Interpretationsspielraum. Bei Weitem nicht so viel wie manche uns weis machen wollen und selten hat einer dieser Leute recht – aber es kommt vor. Es wird zwar immer schwieriger etwas Neues herauszufinden und alte Naturgesetze sind relativ sicher vor grundlegenden Revolutionen, da sie durch verschiedenste Experimente sehr gut untermauert sind – trotzdem müssen selbst Wissenschaftler zugeben: So wie es aussieht kennen wir über 90% unseres Universums nicht. Wir nennen dieses unsichtbare Zeug, auf welches wir starke Hinweise haben, dunkle Energie und dunkle Materie. Aber wir müssen nicht unbedingt in die Ferne schauen, um dieses Phänomen zu erleben. Auch unser Hirn, Bewusstsein oder Leben an sich verstehen wir so gut wie gar nicht.  Da wo es nicht abschliessende Erkenntnisse oder eindeutige Antworten gibt, wird man immer recht ausgeglichene Lager verschiedener Ansichten haben.

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In menschlichen Fragen des Zusammenlebens – und damit hat diese Präsidentenwahl sehr viel zu tun – gehen die Ansichten noch weiter auseinander als sie es schon in wissenschaftlichen Bereichen tun. Die Demokratie, also per Abstimmung eine (vorübergehende) Antwort zu finden, ist in solchen Fragen ein gutes Instrument. Auch das ist wissenschaftlich gut untermauert: Fragen, welche keine wirkliche oder offensichtliche Lösung haben (die entweder jeder oder zumindest speziell trainierte Leute reproduzierbar angeben kann/können) werden durch  Intelligenzen von Gruppen am Besten gelöst. Das Buch „The Wisdom of Crowds“ (ich habe es unten verlinkt) gibt darüber ausführlich Auskunft. Es war das Thema meiner Maturarede im Jahr 2015.

Nun haben in Amerika über 59 Millionen Leute einen Mann zum 45. Präsidenten von den USA gewählt, der 59 Millionen anderen Leuten nicht passt – dezent ausgedrückt. Wenn Wisdom of Crowds, also die Schwarmintelligenz, hier stimmt (und 59 Millionen sind selten grosse Schwärme von Menschen) ist das in etwa so zu verstehen: Beide Wahlen sind etwa gleich gut oder gleich schlecht. Wenn eine Gruppe die andere Gruppe anfängt als dumm hinzustellen, als minder intelligent, versucht herauszufinden ob eher gebildete oder ungebildete Leute in dieser oder der anderen Gruppe sind – so sollen sie sich sagen lassen: 1. Schwarmintelligenz funktioniert umso besser, wenn die Streuung der Merkmale der Gruppe (also auch der Intelligenz) gross ist, 2. sagen die Statistiken über die Wähler aus (man kann sie online abrufen), dass es zwar Unterschiede gibt, aber von allen Merkmalen sehr viele Wähler auf beiden Seiten waren – oh Wunder – auch 42% Frauen Trump gewählt haben (und 41% Männer Clinton)  etc. und 3. sind auch diese Statistiken, welche ja auf nachträglichen Umfragen beruhen, etwa ebenso ernst zu nehmen wie die („völlig falsche“) Umfrage über den Ausgang der Wahl im Vorfeld… Neutral gesehen muss man also sagen: Es spielt wohl nicht so eine Rolle, wer Präsident wurde – lasst uns aber dem Wahlsystem und damit der Intelligenz von Gruppen vertrauen und schauen, was Präsident Trump als Fakten schafft die nächsten vier Jahre – dann kann man über ihn wieder befinden. Von Obama war man ja schon vor Amtsantritt sehr begeistert, er bekam direkt im ersten Präsidialjahr 2009 den Friedensnobelpreis… Gemäss Regression zum Mittelwert – ein knallhartes Gesetz in der Natur – konnte er also auf Dauer nur an Ansehen verlieren. Ein Stück weit hat das gestimmt. Trump startet tiefer… Man darf gespannt sein.

Wie schon gesagt: Kaum jemand hat eine neutrale Position. Die meisten Leute befinden sich in einem der beiden Lager – und Mainstream war über Monate hinweg das Clinton-Lager. Trump war vom nicht ernst zu nehmenden Aussenseiter zum Gewinner durchmarschiert. Es war also von Anfang an einfacher, sich zu Clinton zu bekennen als zu Trump. Deshalb sind wohl auch die Umfragen dermassen falsch gewesen. Das Problem wurde über die Monate von Trump selbst noch verschärft – von ihm sind, teils auch lange zurückliegende Aussagen aufgetaucht oder neu gemacht worden, mit denen man einem Politiker problemlos einen Strick drehen könnte. Erstaunlich ist, dass ihn trotzdem 42% der Frauen gewählt haben, Clinton aber nur 41% der Männer (zugegeben, der Unsicherheitsbereich wird grösser sein als ein Prozent). Aber die Resultate zeigen: Die 59 Millionen werten ihn nicht als Sexisten – sondern, als normalen Menschen, der auch einmal eine unbedachte Äusserung von sich gibt. Auch den Rassismus-Stempel drücken ihm 59 Millionen nicht ernsthaft auf, man denkt wahrscheinlich, „solange wir Landesgrenzen mit einer Staatszugehörigkeit haben und auch zu Hause unsere Türe abschliessen, ist die Idee der Mauer zu Mexiko rein vom symbolischen Gehalt her gar nicht so verkehrt.“ Und von Rauchern wissen wir, dass man ohne ein schlechter Mensch zu sein gut denken kann, „ach ein paar Zigaretten machen nichts, man kann auch an etwas anderem sterben und ich habe schon oft von Leuten gehört, die rauchend 90 Jahre alt wurden“. Etwa ähnlich müssen auch die Gedankengänge zur Klimafrage sein… „Wir schaffen das (trotzdem)!“ (Randbemerkung: Die wenigsten Verteidiger der Klimaerwärmungstheorie verstehen diesen Bericht wirklich – alles was sie meistens können ist bei zwei Gletscherbildern die 10 Unterschiede finden.) Insgesamt muss man sagen, dass die perfekte Clinton, darin geübt staatlich aufzutreten und Vorträge zu halten, so viel ich weiss im Wahlkampf nie persönlich eine heikle Aussage gemacht hat – Trump hingegen sehr viele. Der einen Hälfte scheint letzteres sympathischer zu sein – einer, der auch mal (wie ich, der Wähler) einen Blödsinn macht, aber danach auch dafür mehr oder weniger gerade steht. Man nimmt den Moralisten, die Lügen, Rassismus und Sexismus so weit von sich wegschieben, dass sie für das Amt des Papstes fast besser geeignet sind als jenes des amerikanischen Präsidenten und bei jeder kleinsten Gelegenheit auf andere zeigen, die Sache nicht mehr ab. Schon gar nicht, wenn Wikileaks anfängt heikle Emails zu veröffentlichen… Wir werden sehen…

Anscheinend haben die Amerikaner vor Jahren schon einmal eine ähnliche Situation erlebt – mit Ronald Reagan. Ein Schauspieler, ein Aussenseiter – wurde Präsident! Das war kurz vor meiner Geburt, im Jahr 1981. Ich habe von ihm schon in der Biografie von Arnold Schwarzenegger gelesen (ein Schauspieler, der Gouverneur von Kalifornien wurde, einem der Grösse nach mit Deutschland vergleichbaren Staat in den USA). Er muss, mehreren Quellen nach zu urteilen, als einer der besten Präsidenten der USA in die Geschichte eingegangen sein. Ich werde jetzt in der kommenden Woche einmal dessen Biografie lesen – und auch The Art of the Deal von Trump. So dass ich nachher ein wenig Background habe…

Aus dieser Woche gibt es noch eine andere interessante Sache zu schreiben: Die Schachweltmeisterschaft hat am Freitag angefangen! Mittlerweile sind zwei Partien zwischen dem amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen und dem Herausforderer Sergej Karjakin gespielt, beide sind unentschieden ausgegangen. Und weil Donald Trump in New York City wohnt und die Weltmeisterschaft in New York City stattfindet ist das der gemeinsame Nenner der beiden ungleich gewichteten Themen in diesem Post – deshalb hat er den Titel bestimmt!

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