12. Schulwoche: Abends an der Schule

Wie schon öfters geschrieben ist das Kerngeschäft eines Lehrers natürlich der Unterricht nach Stundenplan. Nebst Vorbereitung, Nachbereitung und Administrativem gehören aber auch Lehrerkonferenzen, Elternabende und andere Schulevents dazu. Diese finden erstaunlich häufig und abends statt – also nicht zu Bürozeiten – und diese Woche war ich bei allen dreien davon. Angefangen hat es am Montag mit einer Lehrerkonferenz. Über den Aufwand, den Ertrag und das Verhältnis einer solchen Konferenz wurde schon viel diskutiert. Ursprüngliche Grundidee vor etlichen Jahrzehnten (wenn nicht Jahrhunderten…) wird wohl gewesen sein, sich gegenseitig auszutauschen, Informationen von „oben“ nach „unten“ (oder auch seitwärts…) weiterzugeben und vielleicht auch von der Schulleitung („oben“) her abzutasten, was die Lehrerschaft („unten“) von verschiedenen Idee hält, um nicht gerade wie eine Diktatur Entscheide den Betroffenen aufzudrücken sondern ihnen demokratische Mitbestimmung zu ermöglichen. Das ist an sich eine gute Idee, aber zumindest der Bereich Informationsaustausch würde wohl, wenn Schulen erst heute erfunden werden würden, nicht integraler Bestandteil der im Zuge dessen ebenfalls neu erfundenen Konferenzen sein. Es ist allerdings gut denkbar, dass für eine Abstimmung über einen Antrag der Schülerschaft zur Einführung eines Klassentages auch heute noch so eine Konferenz einberufen würde.

Am Montag war ich aber nicht nur an einer Lehrerkonferenz, sondern auch noch an einem Elternabend. Bei der Vorstellung ist es jeweils interessant zu sehen, wie die Schüler teilweise ihren Eltern ähneln – häufig nicht nur in körperlichen Merkmalen, sondern auch im Verhalten. Anschliessend ergeben sich jeweils verschiedene kürzere oder längere Gespräche, wobei es schwierig und wahrscheinlich auch nicht die Idee ist, individuelle Probleme der Schüler zu besprechen. Erstens hören ja noch andere zu und zweitens hat man die Schüler evtl. erst knappe 20 Lektionen erlebt, womit man gar noch nicht so viel sagen kann. Für ein gutes Lehrer-Schüler-Eltern-Dreiecks-Verhältnis ist es aber wahrscheinlich trotzdem förderlich. Ein wiederkehrendes Szenario an so einem Elternabend ist für mich als Physiklehrer allerdings, dass ich auf den praktisch immer ungenügenden Notenschnitt in der ersten Prüfung angesprochen werden. So nebenbei ist das auch ein wiederkehrendes Szenario an Notenkonferenzen. Irgendwie geistert in den Köpfen von vielen Menschen (auch Lehrern) immer noch herum, dass man keine ungenügenden Schnitte machen darf – und wenn es passiert, dann liegt es sicher auch ein bisschen (oder nur) am Lehrer. Vorne weg: Egal in welcher Lebenssituation – die Haltung, dass es (was auch immer) „an anderen“ (z.B. dem Lehrer) liegt – aber nicht einem selbst, ist in meinen Augen einer der schlimmsten Bremsklötze für das eigene Fortschreiten und besser werden. Meiner Erfahrung nach gibt es auch nur sehr wenig, wo man nicht selbst mehr Einfluss darauf hat als äussere Umstände. Gerade im Umfeld Schule ist es sehr verlockend, die Schuld von sich weg auf einen Lehrer zu schieben. Sicher, die Lehrer sind ebenso wenig unfehlbare Wesen wie die Schüler und alle anderen  Menschen inkl. dem Papst. Allerdings ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis von vorne herein und in unausgesprochenem gegenseitigem Einvernehmen ein asymmetrisches: Es geht nicht in erster Linie darum, dass der Schüler dem Lehrer weitergibt, was er bei ihm als Fehler erkennen kann, sondern umgekehrt. Genau genommen kommt der Schüler sogar deswegen zur Schule, weil er ja etwas lernen will. Er kommt idealerweise mit der der chinesischen Kurzgeschichte entsprechenden leeren Tasse zum Lehrer und will sich Wissen einfüllen lassen. Er kommt nicht mit einer vollen Tasse und schüttet die bei jeder Gelegenheit vor dem Lehrer aus. Das muss man teilweise leider nicht nur Schülern, sondern auch Eltern klar machen. Auch was die ungenügenden Schnitte angeht, herrscht Aufklärungsbedarf. Es wäre sehr einfach, eine paar Prüfungsfragen niederzuschreiben und dann nach einer Prüfung den Schnitt so zu manipulieren, dass man so plus minus eine 4 hat. Das mache ich aber nicht. Ich überlege mir vorher, was Gymnasiasten in z.B. der vierten Klasse können müssen. Sollten 16-jährige an der auf normalem Bildungsweg höchsten für sie möglichen Schule wissen, wie man ausrechnen kann, was eine Kugel mit einem Kubikmeter Volumen für einen Durchmesser hat, oder nicht? Ist es genügend, wenn man eine ganze Reihe solcher Fragen nicht beantworten kann? Welche Kategorie von Fragen müsste man beantworten, um das Prädikat „gut“ (also 5) zu verdienen? In meinen Augen gibt es einen sehr guten Indikator (nicht Test), der ein wenig darauf hinweist, ob Prüfungen in dieser Hinsicht gut zusammengestellt wurden oder nicht: Die Standardabweichung. Die sagt aus, wie stark die Noten gestreut sind. Wenn in einer Klasse mit 20 Leuten die Noten praktisch gar nicht gestreut sind und eigentlich alle bis auf drei Ausnahmen eine 4.5 oder eine 5 haben, dann ja, kann das einer der seltenen Fälle sein, wo man wirklich einmal eine sehr homogene Gruppe hat, aber meistens ist es so, dass man einfach so schlechte Aufgaben gestellt hat, dass diese es nicht wirklich zulassen, zwischen verschiedenen Leistungen zu differenzieren. Ich persönlich schaue darauf mehr als auf den Schnitt. Und wenn ich den Eltern zusätzlich noch anbiete, ihnen anschliessend an den Elternabend oder gleich jetzt zu erklären, was man denn so können müsste und dass sie das nach 10 Minuten verstanden hätten, dann lehnen sie immer dankend ab und sind mit mir in einem Boot. Wir versuchen weiterhin zusammen, das Beste aus den Schülern bzw. ihren Kindern herauszuholen.

Und dann war ich auch am Freitag abends noch an der Schule. Der „Chlausabend“ ist für mein Empfinden einer der besten Events bei uns. Praktisch die ganze Schülerschaft kommt an diesem Abend in den Theatersaal und die Securitas am Eingang muss sogar jedes Jahr etliche nicht zugelassene, ehemalige Schüler abweisen. Auch die Lehrerschaft ist jeweils praktisch komplett anwesend, um sich während gut vier Stunden die verschiedenen Produktionen genannten Beiträge und Vorführungen der Schüler anzusehen. Mittlerweile sind gefühlt gut die Hälfte dieser Beiträge oder Vorführungen eigens produzierte Filme – aber es gibt immer auch musikalische, sportliche, spielerische, witzige oder parodische Beiträge. Insgesamt wie gesagt sehr gelungen. Zwar hat es der Mannequin Challenge, den ich mit einer meiner vierten Klassen gemacht habe, nicht in die Auswahl der gezeigten Videos geschafft, aber ich durfte dafür gegen einen Mathelehrer zu einem Mathebattle antreten. Es war von vorneherein schon unter den Schülern ausgemacht, dass ich das verlieren sollte, also haben wir beide da mitgespielt. Wenn dann nach der 720. Nachkommastelle von π  gefragt wird…

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… dein Gegner sagt, „ich habe Null-Ahnung“ und der Moderator schreit „Ja, sehr gut, Null ist tatsächlich die 720. Stelle!“ – dann weisst du nicht nur, dass du verlieren sollst, sondern auch noch wie…

Den Schülern einmal die Regie zu überlassen, ihnen ein Spielfeld für die Organisation von Events zu geben, ihnen die Narrenfreiheit zu geben, den Lehrern einmal den Spiegel vorzuhalten und ihre Aussensicht mitzuteilen, ihnen die Möglichkeit geben  sich kreativ zu verwirklichen und so erst noch Geld für die Maturareise zu verdienen – all das schafft dieser Event. Und so ganz nebenbei fördert er (wie die etlichen Ehemaligen, die versuchen rein zu kommen, beweisen) den guten Ruf der Schule unter ihren ehemaligen Schülern und damit auch in der Bevölkerung. Top.

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