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20160812_portraitsurszellweger_0004Die Wortkombination, welche ein Lehrer in seiner Laufbahn wohl am Häufigsten hört, ist Aber Sie! – gefolgt von irgendwelchen Einwänden. Im Januar 2009 habe ich in einer Klasse eine Prüfung zurückgegeben und dabei Aber Sie! so oft zu hören bekommen, dass ich direkt während der Lektion bei damals switch.ch die Internetadresse AberSie.ch reserviert habe.

Jeder (zumindest praktisch jeder, der das hier lesen wird) kennt Schulen, weil er selbst nämlich mehrere davon besucht hat. Eine Schule bildet nicht nur, sondern prägt ihre Schüler (und Lehrer) auch durch die Erlebnisse dort. Praktisch jeder Mensch weiss viele interessante, witzige und oft auch „Fail“-Geschichten aus seiner Schule zu erzählen. Man erzählt sie unter Kollegen und in der Familie; Kinder ihren Eltern und Grosseltern, Grosseltern und Eltern ihren Kindern. Es ist ein bisschen wie mit der Armee – ein Kern Wahrheit, viel Dazugedichtetes und letzten Endes war es wahrscheinlich nur halb so schlimm, wie es in den Erzählungen dargestellt wird.

Mit diesem Blog möchte ich einerseites zu den Geschichten eines Jeden ein wenig Lehrersicht hinzufügen und dabei andererseits den Leser gleichzeitig ein bisschen bilden; so wie es sich für einen Lehrer gehört. Ausserdem habe ich die Hoffnung, damit einen Beitrag dazu zu leisten, den Beruf des Lehrers wieder ein wenig ins rechte Licht zu rücken. Um 1900 waren die Lehrer die bestausgebildeten Bürger und hatten – gegenüber Nichtlehrern – einen Bildungsvorsprung von sechs bis sieben Jahren. Heute haben die Lehrer gegenüber den bestausgebildeten Bürgern einen Rückstand von 1.5 Jahren. Ausserdem gibt es heute Google und Wikipedia – die Lehrer bzw. Schulen sind nicht mehr zusammen mit den Mönchen bzw. Klöstern die Hüter des Wissens oder die Einzigen, welche Zugriff auf einen der teuren Lexikon-Klassiker wie Brockhaus oder Encyclopedia Britannica haben. Mitunter darum gelten sie mittlerweile nicht mehr als die Bildungselite.

Ausserdem herrscht heute weniger Einigkeit darüber, was man überhaupt fachlich in den Menschen bilden soll. Die Arbeit, welche ein aktuell Auszubildender und zukünftiger Berufstätiger dann wirklich verrichtet, ist sehr spezialisiert. Deshalb haben Schüler schnell das Gefühl, dass sie das nie brauchen werden und die Lehrer ihnen nutzloses Zeug beibringen. Nach wie vor jedoch sind es nicht unbedingt nur die eigentlich unterrichteten Themen welche später wertvoll sind, sondern das dadurch bewirkte Training des Gehirns.
Noch weniger Einigkeit herrscht wohl darüber wie der erzieherische, pädagogische Auftrag der Lehrer aussehen soll. Wenn nicht die Durchmischung der Kulturen und Religionen, dann hat sicher die globale Vernetzung dazu beigetragen, dass nur noch wenige gesellschaftliche Werte von allen als zu einer Tugend erzogen werden sollend betrachtet werden. Nach wie vor bedeutet aber Schule, sich in einer Klasse mit 20 Mitschülern zu arrangieren sowie mit 13 Lehrern klar zu kommen. Das macht gesellschaftsfähiger als man glaubt.

Insofern kommt den Lehrern auch heute noch eine enorm wichtige Aufgabe zu. „Der Beruf des Lehrers sollte die Besten der Besten anlocken“, denn: „An welche Lehrer ein Kind gerät, beeinflusst dessen gesamtes Leben.“ Das schreibt Christoph Kucklick in seinem GEO Artikel Was ist ein guter Lehrer? Und weiter:

Die Lehrer gelten inzwischen wieder als die wichtigsten Faktoren im Schulsystem. Lange glaubte man, mehr Geld für Schulen oder kleinere Klassen oder längeres gemeinsames Lernen der Schüler seien die entscheidenden Stellschrauben; das hat sich inzwischen als fragwürdig erwiesen.

Lehrer müssen dafür, das ist ihre Kunst und ihre Last, Multikönner und Multitasker sein. Vor einer Klasse kann man sich nicht verstecken. Wer schon einmal einen kleinen Vortrag oder eine Präsentation von vielleicht 20 Minuten gemacht hat weiss wovon ich schreibe. Alles vorbereitet zu haben, Handouts, Slides, Experimente, Anschauungsmaterial, überlegen was man sagt, erklären und Fragen beantworten können – das alles im 45-Minuten-Takt – ist eine Herausforderung. Erst recht, wenn die Atmosphäre im Publikum nicht einer speziellen 20-Minuten-Vorführung entspricht, sondern jener einer gewohnheitsmässigen, wiederkehrenden, unspektakulären, unfreiwilligen Veranstaltung.

Ich weiss wovon ich schreibe. Ich selbst unterrichte seit ich 12 Jahre alt bin. Angefangen hat das mit einfachen Karate- und Selbstverteidigungs-Trainings. Karate hat mit 20 zwar aufgehört, der Kampfunterricht ist aber dank Selbstverteidigung- und Anti-Vergewaltigungs-Trainings bis heute geblieben. Ab 17 kamen Gruppenfitnesskurse in verschiedenen Fitnesscentern hinzu; ich habe darin weit über 20 Ausbildungen. Das mache ich bis heute, mittlerweile allerdings in einem eigenen Trainingsraum. Seit 20 bilde ich für solche Gruppenfitnesskurse bei der Fitnessfirma EFPE Instruktoren aus und präsentiere die Fitnesssysteme auf verschiedenen Conventions, beides in der Schweiz und in Deutschland. Ab 21 habe ich an der ETH als Assistent für Analysis und Mathematische Methoden der Physik gearbeitet. Ab 24 habe ich regelmässig für die EFPE Survival-Ausbildungen geleitet – ebenfalls in Deutschland und der Schweiz. Zu dem Zeitpunkt sind auch Ernährungsberatungen (genannt EHF) und Personaltrainings dazu gekommen, wofür ich bis heute rege gebucht werde. Mit knapp 25 habe ich als Mittelschullehrer angefangen Physik zu unterrichten, hinzu gekommen sind die Fächer Elektronik & Robotik, Schach sowie Denkfallen bzw. Gedächtnistricks. Und seit 30 betreue ich noch angehende Physik-Lehrer der ETH in ihren Unterrichtspraktikas. Seit Jahren vergeht praktisch kein Tag (nicht einmal Sonntag), ohne dass ich vor verschiedenen Gruppen stehe. Ich unterrichte nicht nur viele ziemlich verschiedene Dinge und das schon sehr lange, sondern auch viele verschiedene Altersstufen und verschiedene Gesellschaftsschichten. Und aus diesem Alltag werde ich hier nun jeden Sonntag um 18 Uhr berichten – weil ich glaube, dass es wertvoll sein kann.

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Urs Zellweger

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