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8. Schulwoche: Physiker und Ingenieure

Vergangene Schulwoche hat bei mir mit zwei Prüfungslektionen gestartet; es waren die 489. und 490. Prüfung in meiner Laufbahn. Da ich mich im angebrochenen 10. Schuljahr befinde, kann man also von durchschnittlich gut 50 Prüfungen pro Schuljahr ausgehen (was recht gut mit der Faustregel „eine Prüfung pro Wochenlektion pro Semester“ übereinstimmt). Wenn man von durchschnittlich 20 Schülern pro Klasse ausgeht (es sind ehrlich gesagt etwas weniger), dann heisst das, dass ich so langsam aber sicher auf 10’000 durchgesehene Prüfungen zulaufe – und pro Schuljahr etwa 1’000 einzelne Prüfungen von Schülern korrigiere. Angenommen, ein Lehrer braucht dafür durchschnittlich 10 Minuten (es sind wohl eher mehr), dann heisst das, dass man pro Schuljahr etwa 170 Stunden korrigiert – das entspricht einem Arbeitsmonat. Die 50 Prüfungen zusammenzustellen und Lösungen zu schreiben, Noten auf die Blätter zu schreiben und Noten in die Software einzutragen noch nicht mitgerechnet. Das gibt mit Sicherheit noch einmal mindestens eine Woche (mit einer Stunde pro Prüfung für diese Arbeiten ist man wohl eher an der unteren Grenze). Ausserdem möchte ich anmerken, dass ich von diesen knapp 500 Prüfungen in den letzten 10 Jahren nur gerade 4 (das ist nicht mal 1%) nicht in der nächsten Lektion zurückgegeben habe. (Dafür dann in der übernächsten.) Die 4. Klässler erstaunt das jeweils, für alle anderen ist es schon ab der zweiten Prüfung bei mir Gewohnheit. Ich mache das aus mehreren Gründen: Erstens habe ich es als Schüler gehasst, wenn Lehrer die Prüfung nicht sofort zurückgegeben haben. Zweitens finde ich, dass wenn die Aufgaben noch gut in der Erinnerung sind und man dann seine Fehler sieht oder sieht wie es gegangen wäre, man eher etwas lernt, als wenn die Sache soweit zurück liegt, dass das Interesse an der Prüfung lediglich noch in der Note besteht. Und drittens kann man von den Schülern schlecht fordern, ihren Job zu machen, wenn man ihn selbst nicht macht…

Das Interessanteste am Montag war allerdings der Elternabend – eine Information zu dem auf das nächste Schuljahr Einzug haltende System der Fachzimmer; es gibt schon einen Blogeintrag dazu, den ich kurz nach der Abstimmung darüber geschrieben habe. Ich selbst habe das Klassenzimmer-System erst an unserer Schule kennen gelernt, da ich an einer Mittelschule mit Fachzimmer-System war. Für mich war es völlig klar, dass an der Primarschule in Klassenzimmern unterrichtet wird, man dann an die nächsthöhere Schule wechselt, wo nicht nur der Stoff sondern auch „sich-zurecht-finden“ eine Stufe schwieriger wird (selbst bezogen auf das Zimmersystem) und man dann an die Universität wechselt, wo es nochmals einen Schritt weiter geht. Aber das bin nur ich. Ich habe ja schon früher geschrieben, dass es wohl für beide Systeme gute Argumente geben muss, sonst wären nicht beide Systeme so weit verbreitet. Am Elternabend waren für mich ganz andere Sachen bemerkenswert: Erstens einmal waren kaum Eltern da. Von den wahrscheinlich etwa 700 eingeladenen Elternteilen (400 Schüler, davon einige Geschwister, jede solche Gruppe zwei Eltern) waren nur gute 50 anwesend. Also keine 10%. Für diese Zahlen gibt es verschiedene Interpretationen. Insgesamt ist es für die Meisten wahrscheinlich einfach vorbei. Für die Anwesenden war es allerdings alles andere als vorbei, was für mich das zweite erstaunliche war. Der mehrfach geäusserte Wunsch war, dass man den Entscheid rückgängig machen soll. Weil es ja knapp war. Und es ja keine Argumente gibt. In solchen Momenten komme ich aus dem Staunen kaum heraus. Natürlich gibt es Argumente – aber wenn man sie nicht anerkennt weil man sich im Glauben des alleinigen Wahrheitsbesitzes wähnt, kann man das nicht sehen. Knappe Abstimmungen kennen wir Schweizer ausserdem auf nationaler Ebene zur Genüge – aber soll sich zukünftig die grössere Hälfte der kleineren Hälfte fügen? Wäre das demokratischer? (Randbemerkung: So knapp war es bei uns gar nicht.) Politischer Stillstand resultiert gerade daraus, dass man zwei gleich grosse Lager hat, beide etwas diametral verschiedenes wollen und man dann nichts von beidem richtig macht, weil beide ein wenig recht haben und die kleinere Hälfte die Ideen von der grösseren Hälfte dermassen falsch findet, dass sie deren Ideen trotz Abstimmung weiterhin mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Die dritte erinnerungswürdige Sache war, dass man im anschliessenden persönlichen Gespräch auch mit den drei grössten Gegnern schnell ein sehr wohlwollendes Klima schaffen kann und merkt – eigentlich wollen wir alle dasselbe: Die Schüler hochschulreif machen.

Am Mittwoch haben mich die 5. Klässler schon morgens früh mit einer Denkaufgabe herausfordern wollen… Ich sollte so ein Drahtteil auseinander nehmen… Diese Dinger kenne ich schon seit ich Kind bin und ich habe davon über 20 zu Hause:

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Ähnlich wie Liegestützen und Klimmzüge die Muskulatur trainieren, trainieren solche Denkteile das Gehirn. Deshalb suche ich immer wieder neue solche Denkaufgaben, um das Gehirn so vielseitig wie möglich zu trainieren. Weil ich diese Drahtaufgabe bereits kannte, wurde mir direkt eine neue Aufgabe gestellt: Wenn man in einem Raum ist (quaderförmig), und alle 6 Wände sind komplett mit Spiegeln versehen – wie oft sieht man sich dann? Ich muss ja bei solchen Fragen – genau wie die Schüler bei meinen – davon ausgehen, dass die erste intuitive Antwort evtl. falsch ist. Die wäre hier „unendlich oft“. Zumindest wenn ich rechtwinklig auf einen Spiegel sehe. Da bin ich ja nicht eingeschränkt durch die Fragestellung. Aber dann überlegt man sich, dass die Spiegelbilder ja immer kleiner werden und das Auge sie irgendwann nicht mehr auflösen kann; es kann in sechs Metern Entfernung nur noch einen Millimeter auflösen… Also sind es sicher endlich viele… Kann man mit diesem Wissen über das Auflösungsvermögens des Auges abschätzen, wie viele man sieht? Hm… Ich habe das dann mal laut vorgedacht. Und wurde dann mit der „Auflösung“ bekannt gemacht: Man sieht sich gar nicht, weil so ein Raum ja keine Lampe hat, wenn überall Spiegel sind. Klar, es gibt auch Denkaufgaben, die auf solch eher banales Zeug abzielen. Ich habe dann argumentiert, dass ich auf jeden Fall mindestens eine Taschenlampe dabei hätte – wer geht denn sonst in einen total dunklen Raum hinein? Natürlich kenne auch ich ein paar Spiegel-Denkaufgaben… Zum Beispiel: Man sieht sich in einem Spiegel. Muss man näher ran oder weiter weg gehen, damit man „mehr“ von sich sieht? Oder: Wie gross muss ein Spiegel sicher sein, damit man sich darin komplett sehen kann? Oder: Wenn du jemanden über den Spiegel siehst, sieht der dich dann auf jeden Fall auch? Ich wüsste noch mehr, aber verrate jetzt nicht schon alle…

Mit den 4. Klässlern bin ich immer noch in der „Kennenlernphase“. Das kann man daran erkennen, dass sie noch immer Fragen aus den „Top 10 der mir am Meisten gestellten Fragen“ stellen. „Trinked Sie au Alkohol?“ gehört dazu. Die Antwort ist ein entschiedenes Nein. Seit über 17 Jahren keinen Schluck. Warum begründe ich ein andermal. Von dieser Woche gibt es genug anderes zu schreiben. Kurzversion: Der Körper braucht den Alkohol im Blut etwa so wenig wie einen Nagel im Fuss.

Am Freitag kam die interessanteste Frage wiederum in einer fünften Klasse – und zwar von einer Person, die The Big Bang Theory nicht sehr gut zu kennen scheint.. Ob Ingenieure nicht schlauer seien als Physiker… In solchen Momenten weiss ich, wie Sheldon sich fühlen muss…

Ich habe es dann so zu erklären versucht:

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Ein Ingenieur lernt, diese Formel zu lesen und damit zu arbeiten. Die Formel sagt aus, dass wenn man alle natürlichen Zahlen von 1 bis zu irgend einer Zahl zusammen zählen will, so kann man diese Zahl nehmen, mal die eins höhere Zahl rechnen, das Ergebnis durch zwei Teilen und kommt beim Resultat an. Also alle Zahlen von 1 bis 56 zusammengezählt gibt in dem Fall:

sum1to56

Ein Physiker oder Mathematiker macht nicht solche Dinge. Er liefert dem Ingenieur diese Formeln. Er findet diese heraus. Und beweist, dass diese Formel für alle Zahlen stimmt – nicht etwa zufällig einfach für bis 1000 und dann nicht mehr. Das scheint etwas spitzfindig und überflüssig, aber bei schwierigeren Sachen ist es bei weitem nicht so offensichtlich, dass eine Formel „immer stimmt“. Leider kam die nächste Frage von einer anderen Schülerin aus dieser Klasse dann erst nach der Stunde in der 5-Minuten-Pause. Es ging um die Viskosität von Honig. Das wäre die perfekte Vorlage gewesen… Man stelle sich kurz eine Honigwabe vor:

honigwabe

Warum machen die Bienen Sechsecke? Es gibt schon länger eine Vermutung darüber (im Englischen sogar Honeycomb Conjecture genannt): Das Sechseck ist die beste Variante, eine Fläche in jeweils gleich grosse und geformte Stücke zu unterteilen und dabei am wenigsten Wachs für die Wände zu verbrauchen. Ist das wirklich so? Oder könnte es sein, dass es noch ein Muster gibt, welches besser ist? Zum Beispiel das da (zugegeben, der Vergleich hinkt, weil es zwei verschiedene Muster/Fische sind, aber man versteht so, was ich sagen will):

fischeflaeche

Kann man irgendwie sicher sein, dass nie ein besseres Muster gefunden wird?Egal wie ausgefallen und verrückt es aussieht? Die Antwort ist ja, man kann. Aber erst seit 1999. Erst dann wurde die Honigwabe-Vermutung von einem Mathematiker bewiesen. Wer will kann sich dieses PDF bei arXiv runterladen und durchsehen… Dann weiss er ungefähr, was Mathematiker und Physiker machen. Für Ingenieure oder Architekten reicht es zu wissen, dass man  – wollte man Räume mit möglichst wenig Mauersteinen unterteilen – Sechsecke machen müsste…

4. Schulwoche: Schulpolitik

Diese vierte Woche war sehr ereignisreich. Das hat schon am Montag angefangen, mit dem Elternabend der 5. Klässler. Es ist spannend, da eure Eltern kennen zu lernen und ihre Fragen zu beantworten. Viele sind es zwar nicht, aber es erweitert doch das Bild, welches man von einzelnen Schülern hat.

Am Dienstag war kein aussergewöhnlicher Event angesetzt; aussergewöhnlich war höchstens, dass die PAMler meine „Drohung“, dass sie mit ihren aktuellen Kurzreferaten über Schiefen Wurf an der mündlichen Matura in gut eineinhalb Jahren keine Chance hätten, ernst genommen haben und wirklich gute kurze Zusammenfassungen aufsagen konnten. Top, weiter so.

Am Mittwoch haben die 5. Klässler bereits ihre erste Physik-Prüfung in diesem Schuljahr geschrieben und am Abend war ich in Zürich zu einem Referat beim NEO Network eingeladen. Ich sollte taskbase vorstellen und in dem Zusammenhang zu The Future of Education sprechen. Eingeladen wurde ich von den beiden ehemaligen Schülern (Matura 2012), welche das Netzwerk ins Leben gerufen haben. Anwesend waren viele alte bekannte Gesichter. Von Matura 2010 bis 2015 war alles dabei unter den über 70 Teilnehmern. Sozusagen ein Kollegi-Alumni-Treffen mitten in Zürich. Ab diesem Mittwoch haben ausserdem die 6. Klässler unterrichtsfrei bekommen, um zwei volle Tage dem Abschluss ihrer Maturaarbeit zu widmen. Nach den Herbstferien werde ich die Dokumentation zu meiner 23. betreuten Arbeit erhalten.

Am Donnerstag war dann die mit Spannung erwartete, schon lange angekündigte Lehrerkonferenz. Kurz und knapp: Es wurde beschlossen, dass auf kommendes Schuljahr vom Klassenzimmer- auf das Fachzimmersystem umgestellt wird.

Und dann kam der Freitag… Um 13:25 Uhr versammelte sich ein Grossteil der Schülerschaft vor dem Schulhaus um zu „demonstrieren“ – gegen den Entscheid zur Einführung von Fachzimmern. Anschliessend versammelten sich in der Aula viele gefrustete Schüler, um in aufgeheizter Stimmung mit der Schulleitung (und ein paar Lehrern) zu diskutieren.
Mal von vorne: Klassen- oder Fachzimmer sind zwei Systeme, ähnlich wie Diesel- oder Benzinmotoren, iOS oder Android. Sie sind verschieden, beide haben Vor- und beide haben Nachteile. Je nach dem, welche Gesichtspunkte man persönlich wie gewichtet, entscheidet man sich innerlich eher für das eine oder eben für das andere System. Und weil das Gegenüber einen anderen Standpunkt hat, andere Erfahrungen und andere Gewichtungen in der Entscheidungsfindung setzt, verhält sich eine Diskussion meist so:

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Solche Bilder kennen wir alle aus den sozialen Netzwerken. Als Aussenstehender lacht man darüber, klickt auf „gefällt mir“ und denkt: „Beides Idioten, logisch kann man das auf zwei Arten sehen, deswegen zu streiten lohnt sich doch nicht!“ Das blöde ist nur, dass man sich tatsächlich für eine Seite entscheiden muss – denn die oben liegende 6 bzw. 9 (so wie man das Muster auf dem Bild als aussenstehender sieht) ist keine Zahl in unserem Zahlensystem. Es ist entweder 6 oder 9. Ich bin in Geschichte nicht so sattelfest wie in Physik – aber irgendwie scheinen die Menschen schon länger auf Mehrheitsentscheide zurückzugreifen, was irgendwie auch sinnvoll ist. Man sieht ein, dass es Argumente für beide Systeme gibt, dass es kein Weltuntergang darstellt, wenn auch das von einem als minderwertig empfundene System durchgesetzt wird und stimmt ab. Und dann verliert die Minderheit. An der Schule hat am Freitag ein Bild kursiert, mit einem Untertitel der in etwa „Diese Lehrer bringen uns Demokratie bei!“ lautete. Das Bild deutete darauf hin, dass beim Entscheid zwar alle Lehrer, aber nur sieben Schüler mitstimmen durften. Stellt euch einmal vor, die Schüler hätten tatsächlich nahezu ein 10:1 Verhältnis an Stimmen gegenüber den Lehrer. Es würde sehr viel Selbstdisziplin von den 500 Schülern fordern, damit sie bei gewissen Abstimmungen tatsächlich ihrem Bildungswohl und nicht ihrer aktuellen Befindlichkeit und Bequemlichkeit zuträglich abstimmen würden. Es ist also bewusst gewollt und auf irgend einer Ebene sicher auch durch Mehrheitsentscheid zustande gekommen, dass die Stimmenverhältnisse so sind, wie sie sind. Das ist Demokratie. So gesehen ja, bringen euch die Lehrer tatsächlich Demokratie bei. Aus Erfahrung lernt man meist besser als aus Büchern… Auch wenn das überhaupt nicht zur Diskussion steht und an der vergangenen Abstimmung nichts ändern wird, ich mache als Physiker gerne Gedankenexperimente: Was wäre, wenn man jetzt gesagt hätte, dass für diese eine Abstimmung es eigentlich schon gerechtfertigt wäre, wenn jeder Schüler und jeder Lehrer abstimmen dürfte. Schliesslich geht es ja nicht direkt um Maturanoten oder so, sondern irgendwie um Alltagsbefindlichkeit. Und man kann natürlich gut argumentieren, dass hier die Lehrer evtl. auch aus Befindlichkeit und Bequemlichkeit egoistisch abgestimmt haben. Wäre das richtig? Schüler sind (im Normalfall) 6 Jahre an der Schule. Lehrer evtl. mehr. Bekommt jemand, der noch 12 Jahre vor sich hat doppelt so viele Stimmen? Muss er sich dann auch 12 Jahre verpflichten? Und ein Neuer? Was macht man mit solchen, die 42.75% arbeiten (solche Zahlen kommen tatsächlich vor)? Und kann man sicher sein, dass Schüler in 6 Jahren noch zufrieden sind mit dem Entscheid, den ganz andere 500 Schüler vor 6 Jahren für sie gefällt haben? Ihr seht, das wird schnell kompliziert. Natürlich bestimmt man nicht für jede Abstimmung neu, wer stimmen darf. Und ihr könnt euch sicher vorstellen, dass sich über diese Kriterien ebenso wenig einig wäre, wie über das, was man abstimmt. Man ist sich übrigens an noch viel entscheidenderen Stellen nicht einig über „Kriterien“. Zum Beispiel bei der Organtransplantation. Nehmt an, es gibt vier Leute, die nur noch wenig Zeit zu Leben haben, ausser sie bekommen ein Organ gespendet. Es handelt sich um eine Mutter von drei Kleinkindern, einen Manager einer grossen Firma mit 100’000 Angestellten, einen 85-jährigen Mann ohne Angehörige und Nachkommen sowie einen 12-jährigen Jungen. Wem gibt man das einzige vorhandene Organ? Man ist sich nicht einig. Das Los entscheidet. Irgendwo ist durch Mehrheitsentscheid also zustande gekommen, dass die Lehrer mit 7 Schülern über solche Schulpolitischen Dinge befinden. Man glaubt, dass bei dieser Stimmberechtigung auf 1’000 Abstimmungen gesehen weniger Fehlentscheide herauskommen, als anders.
Angesichts dessen (es gibt zwei Systeme, wer und wie abstimmen ist in unseren Gesellschaftsstrukturen verankert) sowie der Tatsache, dass die Schülerkommission und weitere Schüler bei der Ausarbeitung des Projektes Fachzimmer dabei waren, erstaunt es mich eigentlich sehr, wie aufgebracht und emotional einige Schüler nach der Abstimmung waren. In dieser Diskussion wurde der Schulleitung auch oft „Nennen Sie uns ein (einziges) Argument!“ zugerufen. Das wirkt schon komisch, wenn man so überlegen und gleichzeitig emotional tut. Es gibt ein ganzes zweiseitiges Dokument dazu – und selbst wenn es das nicht gäbe, müsste klar sein, dass es Argumente gibt. Es kann ja nicht sein, dass man die Mehrheit der Lehrer als so dumm eingeschätzt wird, dass sie irgendetwas argumentelos zusgestimmt hat. Oder ihr so niedere Beweggründe unterstellt, wie es die Memes auf dem Instagram-Account „nein_zu_fz“ vermuten lassen. Falls doch, ist es echt arm.

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Allerdings gibt es auch eine gute Erklärung für diese aufgebrachte Haltung… Erst einmal ja, wenn über einen entschieden wird empfindet man eine gewisse Machtlosigkeit und rebelliert dagegen. Das kennt man auch aus Eltern-Kinder-Beziehungen. Ich unterstelle dort den Eltern einmal, dass sie öfters das Wohl der Kinder als jenes von sich selbst in den Vordergrund stellen. Ich für meinen Teil unterstelle das übrigens auch unserer Lehrerschaft. 9 volle Schuljahre an unserer Schule sind genug, um zu wissen, wie schülerfreundlich wir eigentlich sind. Aber es gibt noch einen viel entscheidenderen Grund für den Frust. In der Informatik gibt es den Spruch „never stop a running system“. Etwas ähnliches kennt man in der Psychologie und es wird vom Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem Buch „Thinking, fast and slow“ beschrieben (Link zur deutschen Ausgabe auf Amazon siehe unten). Kahneman ist ein Experte in den Bereichen Urteilsfindung und Entscheidungen. Kahneman unterteilt das Denken in zwei Systeme – ein schnelles, impulsives, in kognitiven Aufgaben oft falsch liegendes aber den Alltag gut meisterndes System 1. Und ein überlegtes, ruhiges, langsames System 2, welches Anstrengung und Selbstkontrolle erfordert. Im Kapitel 5 „How Judgments Happen“ beschreibt Kahneman Charakteristiken bezüglich Entscheidungsfindung von System 1; ein Punkt davon: responds more strongly to losses than to gains (loss aversion). Diese Verlustaversion bezeichnet in der Psychologie und Ökonomie die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Auf den Fall von Klassen- vs. Fachzimmer treffen aber noch mehre Effekte zu. Zum Beispiel der Endowment-Effect (Beistztumseffekt, Kapitel 27): Etwas was man besitzt, schätzt man wertvoller, als es ist. In Kapitel 28 (Bad Events) schreibt Kahneman:

It is an ever-present feature of negotiations, especially of renegotiations of an existing contract, the typical situation in labor negotiations and in international discussions of trade or arms limitations. The existing terms define reference points, and a proposed change in any aspect of the agreement is inevitably viewed as a concession that one side makes to the other. Loss aversion creates an asymmetry that makes agreements difficult to reach.

Das alles macht den Entscheid nicht rückgängig, aber es hilft evtl. bedingt, mit dem Entscheid nun fair umzugehen, weil man erkennt, dass der eigene Standpunkt nicht unbedingt der einzigen Wahrheit entspricht und das eigene Verhalten auch ein wenig einer Denkfalle entspringt. Ein anderes System ist nicht die Hölle. Die Leute, die dafür gestimmt haben sind nicht einfach dumm, minderbemittelt oder egoistischer als andere Leute. Vielleicht sind einige sogar wirklich erfahrener, weil sie beide Systeme kennen, weil sie nicht nur Schüler waren sondern auch Lehrer sind. Das System ist anders, ja. Die Atmosphäre am Kollegi wird sich ändern, ja. Man verliert durch den Wechsel Dinge, aber man gewinnt mit Sicherheit auch andere Dinge. Vielleicht kann man sich aufraffen und nun konstruktiv bei der Gestaltung von Stufenzimmern mitdiskutieren. Ich persönlich wäre zum Beispiel dafür, dass es bald wieder einen Billardtisch gibt am Kollegi, so wie früher. Schliesslich ist Billard das Physik-Spiel schlechthin…